Ich mach‘ mir die Welt, Widdewidde wie sie mir gefällt ….


„Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich viel besser als gedacht – weil wir von der Krise der anderen profitieren. Nur die Deutschen selbst können ihr Glück noch nicht so richtig fassen.“

„Wir stecken in einer Wachstumsdynamik, die noch lange nicht zu Ende ist, die sogar noch Jahre andauern kann.“

„Im Moment sind wir Deutschen in der besten aller Wirtschaftswelten: Die Wirtschaft brummt, die Zahl der Arbeitslosen sinkt immer weiter.“

Wer solche Sätze im Angesicht unserer derzeitigen wirtschaftlichen Situation schreibt, muss ein ganz besonderes Kraut rauchen. Mit klarem Verstand kann man die Situation nicht dermaßen rosig zeichnen.

Man kann natürlich alles ausklammern, was einem nicht in den Kram passt. Dann sieht man  die deutsche Abhängigkeit von den Staaten nicht, denen man striktestes Sparen aufzwingt. Dann sieht man auch nicht, dass der „Aufschwung“ auf ein Heer von Niedriglöhnern aufgebaut ist. Dann sieht man auch nicht, dass der „Wirtschaftsboom“ nur ein Boom für die 1% ist. Die 99%, die nichts davon haben, können sich naturgemäß auch nicht darüber freuen.

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Neusprech!?


Wir kannten es ja alle schon lange aus Reiseprospekten. Die schönen Umschreibungen für üble Dinge.

Die Hotelbeschreibungen in Reiseprospekten stellen auch auch noch die übelsten Kaschemmen in den schillerndsten Farben dar. Neubaugebiete mit Maschinenlärm von morgens bis abends werden als aufstrebende Ferienorte beschrieben und Ferienanlagen in denen einem plärrende Blagen den letzten Nerv rauben, werden als familienfreundlich beschrieben.

Und es scheint so zu sein, dass wir uns auch in der Politik an solche Umschreibungen und Umdeutungen gewöhnen sollen. In Anlehnung an die Sprache in George Orwells Roman „1984“ werden solche Tendenzen auch gerne „Neusprech“ genannt. Mit immer neuen Wortbildungen werden Einschränkungen, Abbau von Grundrechten und Sozialabbau beschönigt. Mit Wortschöpfungen wie E-Pass wird Modernität vorgetäuscht, wo es um Überwachung und Kontrolle geht. Slogans wie „Fördern und Fordern“ verschleiern den Verlust des Grundrechtes auf freie Berufswahl. Und wenn Sicherheitsexperten von „Gefährdern“ oder gar von „potentiellen Gefährdern“ reden, meinen sie damit, dass faktisch die gesamte Bevölkerung unter Generalverdacht gestellt wird.
Ganz nach dem Motto, „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ werden „rechtsfreie Räume“ ausgemacht und zu gefährlichen ja potentiell terroristischen Zonen umgedeutet. Früher nannte man so etwas „Privatsphäre“. Und wer könnte etwas dagegen haben, wenn Gefahren von der Bevölkerung abgewendet werden. Dafür jedoch den Typus des „Gefährders“ zu erfinden verwandelt den Rechtsstaat in einen Unrechtsstaat. Ein „Gefährder“ ist immer noch jemand, gegen den man keine Beweise in der Hand hat, um ihn vor Gericht stellen zu können. Umgangssprachlich und im Sinne eines Rechtsstaates nennt man so jemand auch „unschuldig“. Also ist ein „Gefährder“ jemand wie Du und Ich.

Ich glaube, wenn wir nicht aktiv gegen dieses wuchernde Neusprech vorgehen, wird es auch bald die rechtsfreie Zone in unseren Köpfen nicht mehr geben.

Spätestens dann werden auch Gedankenverbrechen nicht nur in Romanen vorkommen.