Qui bono?


Christian Wulff ist seit Tagen der Mittelpunkt des medialen Interesses und alles andere rückt irgendwie in weite Ferne. Ich habe mich ja auch schon einige Male über die Affäre ausgelassen. Doch eine andere Seite der ganzen Angelegenheit bleibt unausgesprochen oder sie taucht in nur wenigen Artikeln randständig auf.

Die Frage, die mich zunehmend beschäftigt: um was geht es hier eigentlich? Wer spielt hier sein Spiel mit uns und zu welchem Zweck?

Wir alle haben hier ein paar Puzzle-Teile in der Hand und es wird ein Riesen Wirbel darum gemacht.

Ich frage mich ernsthaft, warum ein mit allen Wassern gewaschener Politiker am Telefon so ausrasten sollte, wenn es nur darum geht, dass ein Hauskredit an die Öffentlichkeit kommen könnte. Da hat er doch (spätestens seit Johannes Rau) die Erfahrung, dass solche Dinge relativ glimpflich an einem vorüber gehen können. Das ist kein Grund zum aus der Haut fahren. Wenn ich aber daran denke, dass die „Welt“ im Sommer eine üble Geschichte über Wulffs Stiefschwester herausgebracht hat und gelesen habe, dass die Bild-Zeitung auch die Möglichkeit hat, Wulffs Frau in die Schlagzeilen zu bringen, dann lässt sich der Ausraster besser erklären. Die Bild-Zeitung lässt es (gerne) so aussehen, als ginge es ausschließlich um den Hauskredit. Was aber, wenn man Wulff vorher gesteckt hat, dass da auch noch eine andere Story in in der Hinterhand ist? Bei familiären Dingen kann man schon eher einmal dünnhäutig werden. Da kann man schon mal am Telefon unfreundlich und unsachlich werden. Dann werden auch Wulffs Aussagen von der „unglaublichen Geschichte“, von „Krieg führen“ und von einem Strafantrag viel plausibler. Ich hatte mich im Zusammenhang mit der Hauskredit-Affäre immer gefragt, wie er so etwas sagen kann. Das passte für mich nie zusammen. Wenn es hier aber um zwei verschiedene Storys geht, dann machen die Aussagen für mich eher Sinn. Dann hat die BILD Wulff in ein offenes Messer laufen lassen. Vor allem, wenn nach der telefonischen Entschuldigung Kai Diekmann zusagt, er mache von dem Band keinen Gebrauch und dann prompt diese Zusage vergisst.

Hier müsste auch einmal auf die BILD eingewirkt werden, dass sie die Karten auf den Tisch legt. Anderen vorzuwerfen, unaufrichtig zu sein, selbst aber mit gezinkten Karten zu spielen, das ist das Spiel der BILD. Und alle springen darauf an.

Hier ist dann aber auch der Punkt, wo einem viele andere Dinge durch den Kopf gehen, die allesamt zu Verschwörungstheorien führen. Da es dafür aber keinen wirklichen Anhaltspunkt gibt, führe ich die hier auch nicht weiter aus.

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8 Gedanken zu „Qui bono?

  1. Ich habe gerade eben noch laut darüber nachgedacht, dass Wulff, wenn die Fronten sich nicht ändern, wohl doch zurücktreten wird. Für meinen Kommentar soll es gleich sein, ob Wulff zurücktreten soll oder nicht. Es ist gleich, wie man sein Verhalten bewertet, darum geht es mir im Moment nicht.
    Mir geht es vor allem um die BILD, die du bravo56 schon ins Zentrum der Überlegungen stellst. Sollte es tatsächlich so ausgehen, dass die BILD-Zeitung mit ihrer „Berichterstattung“ (in Anführungszeichen) so viel „Meinung“ (in Anführungszeichen) macht, dass Wulff zurücktreten muss, dann sollte darüber nachgedacht werden, ob eine Zeitung sich so in die Politik einmischen darf.

    Wir können noch froh sein, dass es genug Menschen gibt, die eine eigene Meinung haben und die sich nicht verarschen (anders kann man es wirklich nicht ausdrücken) lassen, sodass es zu genügend Widerstand für BILD-Lieblinge wie Guttenberg kommen konnte. Aber das war meines Erachtens nach eine sehr knappe Sache. Da wurde öffentlichkeitswirksam gegen das Bild der BILD angegangen. Zum Glück.

    Auch von Wulff fühlen sich viele Bürger schlecht vertreten, doch die Frage ist, ob die ganze Sache ohne die Politikmache der BILD anders verlaufen und vielleicht in zwei, drei Tagen in Vergessenheit geraten würde.

    Die BILD hat die Macht Lieblinge und Feinde zu machen. Das darf nicht sein!

    Wallraff und Enzensberger (u.a.) haben schon früh gewarnt, doch sie sind, sowie auch dieser Blogartikel hier, wohl die berühmten Rufer in der Wüste.

  2. Ich habe zwar oben geschrieben, es müsse auf die BILD eingewirkt werden, nur, wer sollte das tun?
    Andere Medien und Journalisten könnten das tun. Indem sie nicht nur Fehler der BILD (siehe das „bildblog“) bloßstellen, sondern auch wie einst Walraff deren Machenschaften aufdecken. Dies ist heute jedoch ungleich schwerer als zu Walraffs Zeiten. Damals war die Bild ein viel gelesenes Revolverblatt, politisch jedoch von untergeordneter Bedeutung. Die überragende Rolle, die sie jetzt hat und ausspielt, hat die BILD erst in der Ära Kohl errungen.
    Die BILD macht Stars und Politiker und bei Bedarf werden sie in den Orkus geschrieben. Wulff ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Bild einen Politiker aufbaut und wie sie ihn dann auch versucht wegzuschreiben. Mit allen lauteren und unlauteren Mitteln.
    Die ungeklärte Frage ist: warum?
    Aus welchem Grund tut die BILD das und warum gerade jetzt?

  3. Hallo bravo56,

    ich gebe dir Recht, man sollte der BILD mehr auf die Finger klopfen. Dass das nicht einfach werden wird, dazu hast du ja schon kommentiert.

    Aber: wer sich auf die BILD einlässt muss die Risiken und Nebenwirkungen kennen. Ich will dadurch nicht relativieren was die BILD da treibt. Man sollte wissen, dass Politik und Medien Haifischbecken sind. Wo Macht ist wird intrigiert, gefault, getrickst und vertuscht.

    Die Antwort auf deine Frage weshalb die BILD dies gerade jetzt macht ist meiner Meinung nach recht einfach: Öffentlichkeit -> Geld .

    Öffentlichkeit steigert die Auflage, lässt andere von der BILD abschreiben, erhöht den Einfluss. Klar, dass alles ist kurzfristig, es wird sich aber gut genug in Geld umsetzen lassen. Man hat bei BILD sicher die Opportunitätskosten abgewogen (Was kosten mich alternative Handlungsweisen) und ist zum Schluss gekommen, dass dieser Weg der ökonomisch beste ist.

    Nicht selten sind gerade einfache Antworten, die besten Antworten auf komplexe Sachverhalte.

    Gruß, David Marien

  4. Oft ist es wirklich so, dass die einfachen Antworten richtig sind. Aber stell Dir das mal bildlich vor.
    Morgens kommt der Diekmann in die Redaktionskonferenz und sagt: „Leute, wir brauchen wieder mal 10-, 20-tausend Leser mehr. Lasst uns den Bundespräsidenten stürzen. Wie fangen wir das am besten an?“
    Das trau ich sogar der BILD nicht zu.

    • Wieso trauen Sie das einer „Zeitung“ nicht zu, die sich nicht entblödet hat, Titel wie „Treten Sie zurück, Herr Minister!“ vierspaltig auf die Titelseite zu setzen? – Selbstverständlich ist das Teil des Werkzeugkastens.

      Als Journalist (und Freund von G. Wallraff) kann ich gar nicht so viel essen … wenn ich mir anschaue, wie jetzt Heerscharen von Kampfhunde-Vogelgrippe-EHEC-Blogger die Pressefreiheit der Springer-Medien mit Zähnen und Klauen verteidigen wollen.

  5. Ich traue der BILD schon zu, den Bundespräsidenten stürzen zu wollen. Gar keine Frage. Aber nicht aus dem Grund, ein paar Leser mehr zu bekommen. Da muss dann schon etwas anderes dahinter stecken.
    Es ist schon eine Ironie, dass sich alle gezwungen fühlen gerade diesem Schundblatt die Stange zu halten.

    • Ob es um x-Leser mehr geht oder darum, den Bundespräsidenten so klein zu machen, dass er den problematischen, möglicherweise verfassungswiderigen Rettungsschirm widerspruchslos unterschreibt – Sache und Aktion bleiben gleich, es ändert nichts.

  6. Ich denke, den Aspekt, den der ehemalige VW-Pressesprecher Kocks in der letzten Maybrit Illner Sendung ins Spiel brachte ist gar nicht so abwegig und würde fast alles erklären:

    – Der frühere VW-Sprecher Klaus Kocks hält es dagegen nicht für ausgeschlossen, dass der Geerkens-Kredit an Wulff in Wahrheit eine Schenkung war. Eine wichtige Rolle im Wirrwarr um den Kredit spiele der anonym ausgestellte Scheck. „Versuchen Sie doch mal, einen anonymen Scheck bei der Sparkasse in Berlin über 500.000 Euro einzureichen. Die holen die Polizei“, sagte Kocks und fügte hinzu: „Wir haben nämlich ein Geldwäschegesetz.“ –
    Quelle: http://maybritillner.zdf.de/ZDFde/inhalt/11/0,1872,8448011,00.html

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