Die vierte Macht im Staat – ein Placebo


Die Presse, oft als vierte Macht im Staat bezeichnet, hat unter anderem die Aufgabe, Politik zu kontrollieren. Wenn man die Kampagne gegen Bundespräsident Wulff betrachtet, könnte man fast meinen, die Presse nimmt diese Aufgabe auch ernst.

Nur, warum trifft es gerade jetzt Christian Wulff? Der „Fauxpas“, der die Hetzjagd ausgelöst hat, liegt weit über ein Jahr zurück. Wer glaubt denn, die persönlichen Verbindungen von Wulff seien der Presse nicht schon längst bekannt gewesen?

Warum trifft es nicht andere Politiker, die viel näher an Entscheidungen dran sind? Haben die keinen Dreck am Stecken? Ist Wulff die unrühmliche Ausnahme im Politikbetrieb oder eher die Regel?

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Akribie jetzt Details in der Causa Wulff zutage gefördert werden. Eine Akribie, die an anderen Stellen schmerzlich vermisst wird. Wo bleibt die Journalistische Neugierde, wenn Entscheidungen über Milliardenkredite an vorgeblich notleidende Banken in kleinster Runde im Hinterzimmer gefällt werden? Wo bleibt die Recherche über Verbindungen und Seilschaften bei Entscheidungen, die der EU ein völlig neues Gesicht geben?

Was wird jetzt ein Trubel gemacht, weil Christian Wulff einen verbilligten Kredit angenommen hat. Das ist zwar verboten, an sich aber relativ harmlos und es betrifft scheinbar nicht seine politischen Entscheidungen. Hätte man nicht besser die gleiche Energie aufgewendet um herauszufinden, was seine Freundschaft mit dem Finanzhai Maschmeyer mit dem politischen Einsatz Wulffs für die Privatisierung der gesetzlichen Rente zu tun hatte? Es wäre auch interessant gewesen, zu erfahren, was das Upgrade bei einem Urlaubsflug durch den damaligen Chef von Air-Berlin, Joachim Hunold, mit der Steuerprivilegierung von Flugbenzin zu tun hat, oder damit, dass es dem Unternehmen nachgesehen wurde, die Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer mit Füßen zu treten. Das wäre Journalismus gewesen. Aber das wäre vielleicht auch nicht im Sinne der wenigen Verlagshäuser gewesen, die den deutschen Medien-Markt beherrschen.

Oft genug erschöpft sich die Berichterstattung in den Medien darin, gelangweilt Nachrichten von Presseagenturen nachzuschreiben oder von anderen Blättern abzuschreiben. Das ist kein Journalismus, das ist Arbeitsverweigerung und Volksverdummung. Die Presse hätte die Pflicht, die Mitwirkung der Menschen am politischen Prozess zu unterstützen. Eben durch genaue Analyse und Aufbereitung komplexer Zusammenhänge. Sie hätte die Pflicht, diese Zusammenhänge den Zuschauern und Lesern durchschaubar zu machen und sie damit in die politische Meinungsbildung einzubinden. Stattdessen koppelt sie die Bevölkerung durch oberflächliches Geschreibsel von der Teilhabe ab und fördert das Desinteresse weiter Bevölkerungsteile an der Politik.

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5 Gedanken zu „Die vierte Macht im Staat – ein Placebo

  1. Hallo bravo56,

    ich bin deiner Einladung gerne gefolgt, hier bin ich.

    Ich stimme deinem Artikel zu. Wenn es aber stimmt, dass Kommunikation zweigleisig ist (hier würde ich Zeitung-lesen als Kommunikation betrachten), wo ist der kritische Leser?

    Ich meine nicht uns beide, sondern viele Menschen, wenn überhaupt noch, nur oberflächlich Informationen einsammeln. Wer will und kann denn, en detail, das Fehlverhalten der Banken einschätzen? Wer will wirklich wissen was da los ist?

    Ganz ehrlich, so genau will ich das nun auch nicht wissen. Denn ich weiß gar nicht welche Konsequenzen ich aus diesem Wissen ziehen soll?

    Klar, ich wünsche mir auch in einigen Bereichen eine bessere Berichterstattung. Nur, wie gesagt, wie sollte ich mit ihr umgehen? Aufgrund des Studiums beschäftige ich mich intensiv mit Politik und Gesellschaft, ich habe daher ein höheres Hintergrundwissen als viele Andere. Wenn ich zur Wahl gehe, entscheidet ein gutes Stück weit mein Bauchgefühl meine Wahl. Auch mit höherem Wissen kann man keine sicheren Statistiken erstellen, gerade in der Politik, eine Wahl ist ja auch eine Prognose in die Zukunft. Ich befürchte, selbst eine ausgewogene, voll umfängliche und sachliche Berichterstattung würde mein Bauchgefühl nicht minimieren. Stimmen Statistiken, Annahmen und Prognosen der Berichterstattung wirklich? (Gehen wir hier mal von bester Absicht und nicht bewusster Manipulation aus)

    Kurzum, wie alles im Leben: mehr Infos sind zweischneidig. Mehr Wissen ist positiv, damit verantwortungsvoll umzugehen, umgehen zu wollen ist anstrengend weil verantwortungsvoll.

    Die Medien bedienen nur ihre Konsumenten. Wer die Medien kritisiert, sollte die Konsumenten(mehrheit) kritisieren. Es gibt gute Gründe, warum Medien so sind wie sie sind.

    Gruß, David

  2. Hallo David,
    danke für den Besuch und den Kommentar.
    Ich glaube jedoch nicht, dass eine bessere Berichterstattung nicht auch angenommen würde. Es wird sicher nicht zu wenige geben, denen die BILD reicht. Obwohl es besser wäre, würde ich denen ihr Blatt auch nicht verbieten wollen. Aber die interessierte Minderheit (?) hat doch bei der Medienlandschaft heute kaum eine Möglichkeit, sich umfassend und neutral zu informieren.
    Wenn man besser informiert ist, wird einen beim Wahlgang immer noch das „Bauchgefühl“ (wie ich dieses Wort hasse!) leiten. Es wäre dann aber ein „qualifizierteres“ „Bauchgefühl“.
    Was, meiner Meinung nach, eine Presse bewirken würde, die wieder richtigen Journalismus fördern würde und aufklärerisch tätig wäre, das wäre ein Umdenken in der Politik selbst.
    Politiker können sich heute doch erlauben Jahrelang gegen das Volk zu regieren, weil sie kaum der Gefahr ausgesetzt sind, dass ihre Machenschaften zu heftig kritisiert werden. Die Medien sind doch alle auf „neoliberal“ gebürstet und alles, was von diesem Kurs abweicht, wird als „nach links rücken“ abgewatscht. Es gibt jetzt gottseidank doch schon einige Journalisten, die merken, dass der neoliberale Kurs nicht fehlerlos ist und auch nicht alternativlos.
    Von der Sorte wünsche ich mir einfach noch mehr.

  3. Hallo Bravo56,

    erstmal frohe Weihnachten. Du schriebst:“Politiker können sich heute doch erlauben Jahrelang gegen das Volk zu regieren, weil sie kaum der Gefahr ausgesetzt sind, dass ihre Machenschaften zu heftig kritisiert werden. Die Medien sind doch alle auf „neoliberal“ gebürstet und alles, was von diesem Kurs abweicht, wird als „nach links rücken“ abgewatscht.“

    War die Presse unter Adenauer, Brandt oder Kohl denn so viel besser? Was Heute der Neolibaeralismus ist, war früher der Nationalismus. Sicher gab es im Zuge der 68 er eine Liberalisierung. Wie so oft in der dt. Geschichte. Und wie so oft schlägt das Pendel wieder aus. Die interessierte Bürgerschaft hat sich schon immer außerhalb des Mainstreams informiert. Früher in Lesezirkeln, heute in Blogs.

    So lange wir kein öffentlich-rechtlich finanzierten Journalismus haben wird es schwer kritischen Journalismus zu etablieren. Aber selbst öff-recht. heißt nicht liberal. Das Internet ist ein Ort kritischen Denkens. Hier kann man es sich leisten.

    Wer sich seine eigene, differenzierte und fundierte Meinung bilden will, wird dies (auch aber nicht nur) im Internet tun. Dies wird unser neuer Lesezirkel. Für jeden offen der will.

    Gruß, David

  4. Die Presse war meines Erachtens bis in die frühen achtziger Jahre zumindest einigermaßen in Ordnung. Immerhin war sie deutlich besser als heute.
    Wir haben einen öffentlich-rechtlich finanzierten Journalismus in der ARD und im ZDF. Die bekleckern sich aber auch nicht gerade mit Ruhm, was kritische Arbeit betrifft.
    Es wird sicher darauf hinauslaufen, dass das Internet immer mehr der Ort sein wird, wo man sich unabhängige Informationen holen kann. Jedoch hat das Internet den Nachteil, dass man hier alles finden kann, von seriösen Quellen über esoterische Spinnereien bis hin zu radikalen Fanatikern.
    In diesem Umfeld das zu finden, was man als seriös bezeichnen kann, das ist nicht so ganz einfach.
    Viele Internetnutzer kommen doch über die Online-Ausgabe ihrer Tageszeitung bei der Informationsbeschaffung nicht hinaus. Deshalb wäre es gerade zu begrüßen, wenn in den Printmedien wieder besserer Journalismus eine Heimat finden könnte.

    • Hallo bravo56,

      na klar wäre eine bessere Berichterstattung zu begrüßen, na klar hat das Internet Vor- und Nachteile.

      Nur, du forderst, Journalisten sollen endlich ihren Job machen! Warum sollten Sie? Mir scheint, wir sind zu wenige, um den „Markt“ zu unseren Gunsten zu beeinflussen. Andere Kräfte sind und bleiben deutlich stärker. Wir hatten in der BRD von 1949 – 1985 vielleicht eine günstige Zeit für guten Journalismus. Die ist jetzt nun mal vorbei.

      Ich halte das Bild der „vier Gewalten“ und deren Teilung aus politikwissenschaftlicher Sicht für etwas überhöht. Es gibt machtpolitisch gute Gründe, warum diese ineinander verschränkt sind. Machtpolitik repräsentiert nie den Idealzustand sondern die Realität.

      Solange die Realität die ist, dass sich mehr Leute für die Spiele des FCB interessieren als für die Politik, solange wird sich nichts ändern.

      Gruß, David

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